Wir schlafen in Hildegards und Winfrieds Haus nach langer Zeit mal wieder in richtigen Betten und sind daher gut ausgeruht am Morgen. Und wir können uns an einen gedeckten Tisch setzen, ohne erst einmal alles aus diversen Taschen und Tüten heraus klauben zu müssen. Es gibt auch nach langer Zeit wieder leckeren Filterkaffee, den wir ja nur in den ersten Wochen hatten und frische Brötchen. Die Frühstückstafel ist reichlich gedeckt und wir finden endlich mal eine Abwechslung zu unseren Salami und Käsebroten. Nachdem wir uns gestärkt haben, drängt sich wieder die Frage auf, wie können wir Karl-Josef die Weiterfahrt noch ermöglichen? Besteht eine Chance, bei einem Fahrradhändler ein Rad zu leihen? Gibt es ein Rad, das den Anforderungen entspricht, denn es sind noch rund 350km bis Lübeck und durch die Holsteinische Schweiz auch mit Steigungen verbunden? Hildegard bietet an, ein Mountainbike des Sohnes evtl. zu nutzen. Das Fahrrad macht einen zuverlässigen Eindruck, hat aber keinen Gepäckträger. Dieser könnte aber von dem alten Rad ummontiert werden. Wir bringen den Sattel in die richtige Position und Karl-Josef macht eine Probefahrt. Das Bike rollt ganz gut, die Bremsen funktionieren einwandfrei, aber … die Sitzposition ist ungewohnt und irgendwie ist der Lenker nicht in der richtigen Höhe! Ich kenne mich leider nicht mit Aheadset-Vorbauten aus, da ich ja noch einen alten Stahlrahmen mit klassischer Innenklemmung des Vorbaus habe. Ich hoffe, alle verstehen jetzt, was ich beschreibe. Nein? Nun, der Lenker ist mit einem Klemmrohr vorne im Lenkerrohr drehbar befestigt, damit das Vorderrad im Rahmen gelenkt werden kann. Und hier gibt es bei höherwertigen Rahmen, insbesondere bei Alurahmen eine Variante, wo das nach vorne auskröpfende Teil direkt auf ein Rohr, das im Lenkerrohr (drehbar) gelagert ist, aufgeklemmt wird. Die Frage war nun, gibt es eine Verlängerungsmöglichkeit, um den Lenker höher und weiter nach vorne zu bringen, damit eine einigermaßen richtige Sitzposition erreicht werden kann? Winfried wusste von einem sehr guten Fahrradhändler in etwa 1,5 km Entfernung hier in Harrislee, den wir dann nach 10:00Uhr aufsuchen. Um dem Fahrradspezialisten die geeignete Geometrie zu zeigen, musste das alte Rose Fahrrad mitgenommen werden. Hildegard bietet an, mitzufahren um den Weg zu zeigen. Also Hildegard vorneweg, ich mit dem Rad ohne Sattel im Wiegetritt (wenn man im Stehen fährt) und Karl-Josef als Schlusslicht. Als wir beim Fahrradhändler ankommen, stellen wir erst einmal fest, dass wir Karl-Josef abgehangen haben und Hildegard fährt zurück um ihn zu suchen. Mittlerweile kommt der Fahrradhändler schon interessiert nach draußen und erkundigt sich, womit er helfen könne. Ich erkläre die Situation des abgebrochenen Sattelrohres. Dies kann und darf nicht geschweißt werden, ist sein vernichtendes Urteil. Ja und was denn sonst noch das Problem sei? Ich erkläre ihm, dass wir ein Fahrrad leihen möchten, das aber nicht die richtige Rahmengeometrie für meinen Freund hat, dieser Freund uns aber jetzt gerade abhanden gekommen sei. Der Fahrradhändler wird immer verdutzter. Gott sei dank kommt dann doch Hildegard mit dem eingefangenen Karl-Josef und wir zeigen das Mountainbike und fragen nach einer Möglichkeit zur Korrektur des Vorbaus. Aber auch hier kann er nicht helfen, da Aheadset Vorbauten sich nicht in der Höhe so einfach verstellen lassen. Dies sei nur mit zusätzlichen Adaptern möglich, aber nicht kurzfristig zu machen. Dann erwähnt er noch, dass Alurahmen im Fahrradbau nichts zu suchen haben und reicht Karl-Josef einen Katalog der Fa. Patria, mit schönen gelöteten, gemufften Stahlrahmen jeweils aus Columbusrohr. Also habe ich mit meinem konifiziertem Stahlrohrrahmen (gezogenes Stahlrohr mit unterschiedlichen Wanddicken in den entsprechenden Belastungsbereichen) wohl keine schlechte Wahl getroffen. Die anderen Bewertungen in Richtung Fa. Rose und den Massenprodukten lassen wir vorsichtshalber unerwähnt. Wir müssen uns damit den Tatsachen beugen. Ein Ersatzrad ist wahrscheinlich kurzfristig nicht aufzutreiben. Es ist bitter, so kurz vor dem Ziel dieses große Abenteuer nicht zu Ende bringen zu können. Mich berührt natürlich auch, dass ich die Fa. Rose empfohlen habe und dieses Rad im Laufe unsere Tour leider einige Probleme bereitet hat. Aber ich hatte bisher nur Teile und Klamotten dort bestellt. Sch …. e!!! Auf der anderen Seite, können wir heilfroh sein, dass Karl-Josef nichts passiert ist und das Rohr nicht bei einer Schussfahrt gerissen ist, was zu gefährlichen Situationen hätte führen können. Auch, dass es hier in der Nähe seiner Freunde erst zum Ausfall gekommen ist und Winfried ihn abholen konnte von unserem letzten Quartier in Haderslev noch in Dänemark. Ich bewundere, wie Karl-Josef doch einigermaßen umgehen kann mit dem unglücklichen Umstand und er beginnt sofort die nächsten Schritte zu planen. Er wird Fahrrad und Gepäck hierlassen und mit dem Zug noch heute nach Hause fahren. Da er ohnehin geplant hatte, mit seiner lieben Ellen noch nach Scharbeutz seine Enkelin Wiebke, Tochter Kathrin (machen dort Urlaub) zu besuchen, wird er dann seine Sachen bei Hildegard und Winfried abholen. Auch Heiner und ich nutzen diese Möglichkeit uns von einigen Sachen zu trennen, die wir nicht mehr mitschleppen möchten. Da es bereits Mittag geworden ist, verpflegt uns Hildegard auch noch mit einem leckeren Mittagessen und nach einem Abschiedskaffee nehmen wir schweren Herzens Abschied von unseren Gastgebern, aber insbesondere von unserem lieben Radelkollegen Karl-Josef. Von Harislee geht es immer nur den Berg runter in Richtung Flensburg, das nicht nur ein Strafregister aufweist (ehm … ich habe noch nie einen Punkt hier abgeben müssen, aber Keinem weitersagen und toi, toi, toi, dass es so bleibt, PS: bei Heiners Geburtstag war’s kapp. Noch heute danke ich der netten, wie außerordentlich hübschen Politesse!), sondern auch durch einige schmucke Straßenfronten und einen ansehnlichen Hafen. Nun ist mir nicht klar, lag es daran, dass mir das Navigationstalent Karl-Josef fehlt oder eine mangelnde Konzentration wegen der zu verdauenden Fakten. Winfried hatte sich solche Mühe gemacht, uns eine interessante Strecke aus Flensburg heraus zur Küste zu erklären, aber irgendwie war bei mir der Orientierungswurm drin. Auch Heiners Vorschläge wollten bei mir nicht landen ( wofür ich mich noch jetzt bei ihm entschuldige), aber irgendwie sichten wir dann doch noch die Flensburger Förde. Erst bei dem Blick in die Karte und der dänischen Übersetzung wird mir klar, dass Förde nichts Anderes meint, als Fjord, also ein Ostseefjord! Immerhin begleitet uns noch schönes Wetter als wir dann in Langballigholz einen Campingplatz anfahren. Ungewohnt niedrig, aber umso erfreulicher ist der Preis den wir hier für die Übernachtung bezahlen müssen. Heiner und ich beschließen noch auf die heute überschrittenen 7.000km Grenze einmal gut essen und einen trinken zu gehen. Natürlich nicht ohne Karl-Josef, den wir im Zug nach Düsseldorf erreichen, telefonisch mit einzubeziehen. Auch der letzte Sonnenuntergang, den wir hier an der Ostküste erleben, strahlt irgendwie eine eigenartige Melancholie aus, die den verlustreichen Tag abrundet.














