Freitag, der 23.08.2013; Ein Tag mit vielen Ungewissheiten, wo finde ich eine Übernachtungsmöglichkeit und hält die Hinterradfelge durch, die längste Etappe meiner Reise

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Irgendwie hat die Pause gestern gut getan. Ich fühle mich ausgeruht und starte hoffnungsvoll in den Tag. Die freundliche Dame - etwas korpulent und etwas zu viel tätowiert - an der Rezeption, mit der ich mich vorgestern Abend bei meiner Ankunft so nett unterhalten hatte, nimmt den Schlüssel für die Waschräume zurück, und ich bezahle die Gebühr für 2 Übernachtungen / Tage von 18€. Es gibt noch ein paar höfliche Wortwechsel, und dann mache ich mich auf den Weg Richtung Süd-Westen, da ich die Mittelgebirge umfahren möchte. An Soltau vorbei geht es über eine gut zu fahrende Landstraße nach Walsrode. Ich muss mich durchfragen zur Bundesstraße 209, da die Radweg-Hinweise fehlen. Erst außerhalb der Stadt (so ist es meistens!) wird der Wegezustand besser. Heute ist Kilometerfressen angesagt. D.h. fahren, fahren und kaum etwas rechts und links aufnehmen. Alle Sensorik ist darauf bedacht, möglichst rüttelfrei ohne Schlaglöcher, abrupte Wegeübergänge und Wurzelquerungen möglichst viele Kilometer zu schaffen. Nach rund 80km mache ich in Nienburg Mittagspause in einem chinesischen Restaurant. Ein leckeres und dennoch preiswertes Mittagsmenu erwartet mich und dazu noch 2 alkoholfreie Weizen (mit … natürlich Zitrone) tun gut nach der Fahrt. Dann geht es unverzüglich weiter Richtung Sulingen. Ich entdecke keinen Hinweis auf einen Campingplatz und überlege während des Radelns, vielleicht in einer Pension oder einem Hotel zu übernachten und halte ohne großen Erfolg danach Ausschau. Nach 135km fahre ich kurz vor Diepholz durch den Ort Rehden und entdecke eine Einkaufsmöglichkeit. Zumindest etwas einkaufen sollte ich schon und dann bei nächster Gelegenheit mir vielleicht ein Plätzchen am Waldrand oder auf einem abgeernteten Feld suchen. Als ich dann weiter fahre, entdecke ich ein kleines Hinweisschild zu einem Campingplatz. Ich traue meinen Augen nicht, biege aber in die Straße ein und frage 3 Mädchen, die mir auf Rädern entgegen kommen, wie ich zu dem Campingplatz kommen könnte. Nein, davon hätten sie noch nie gehört. Ich fahre dennoch weiter und komme an einer Sporthalle vorbei, an der die Eingangstüre offen steht und etliche Fahrräder davor abgestellt sind. Im Inneren laufen Übungseinheiten einer Handball-Mädchenmannschaft. Die erste Frau, die ich anspreche, schüttelt den Kopf. Nein, sie kenne keinen Campingplatz, aber sie ruft ihren Mann. Ja, in Dönsel gäbe es einen Campingplatz. Er versucht mir den Weg zu erklären, aber ich hole mir doch lieber schnell meine Landkarte und dann ist der kleine Ort auch schon gefunden. Er liegt in ca. 8km Entfernung abseits meiner Route . Da ich nicht zu den bereits gefahren Kilometern nochmal 16km (hin und zurück) umsonst fahren möchte, frage ich vorsichtshalber noch einmal nach, ob er sicher sei, dass es diesen Platz noch gäbe. Ja, da sei er sich ganz sicher! Ich schwinge mich daher erleichtert wieder auf mein Rad und finde tatsächlich am Ende einer schönen langen Allee das landwirtschaftlich geprägte Dorf Dönsel. Ich fahre auf den Platz und treffe auf eine nette Runde, die vor der Anmeldung mit einer großen Kaffeekanne den Nachmittag genießt. Eine freundliche Frau erklärt mir sofort, dass ich bevor ich mein Zelt aufschlage, erst einmal eine Tasse Kaffee trinken soll und fragt ob ich ein Stück Kuchen haben wolle? Nach rund 144km Fahrstrecke heute ist mir aber eher nach einem kühlen Weizenbier zu mute, was ich auch prompt erhalte. Heiko ist der Besitzer dieser super gepflegten Anlage und die freundliche Frau, die mich sofort umsorgt hat, seine Mutter Helga. Natürlich werde ich gefragt, woher ich komme und wohin es gehen soll und noch bevor ich mich dem Zeltaufbau widme, muss ich erst etwas von meinen Erlebnissen rund um die Ostsee erzählen. Auch Kurt berichtet von einer Fahrradtour zu seiner Jugendzeit in die Niederlande und dass es schöne und weniger erfreuliche Begegnungen zur damaligen Zeit gegeben hätte. Die niederländischen Mädels wären nicht auf die Jungs sondern auf die deutschen Räder scharf gewesen, da die damals farbig und vor allem sportlicher geschnitten waren und es in den Niederlanden ja nur die typischen schwarzen „Hollandräder“ gegeben hätte. Nachdem wir so eine ganze Zeit unsere Erfahrungen ausgetauscht haben, baue ich mein Zelt auf einer frisch gemähten Wiese auf. Ich mache mir noch eine Kleinigkeit zu essen und dann gehe ich wieder in die gemütliche Runde zurück, wo mittlerweile noch andere Campinggäste hinzugekommen sind. Wieder werde ich befragt nach meiner zurück liegenden Reise. Es dauert nicht lange und es wird eine erste Runde Bier spendiert. Es gibt Detmolder Landbier (Prost lieber Rolf, auf die z.Zt. stattfindende 650Jahr Feier von Detmold im Lipperland an der ich leider nicht teilnehmen kann) aus der Ploppflasche! Es folgt eine 2. Runde, an die ich mich dann mit einer Runde anschließe. Überraschend erhalte ich etwas später von Inge eine Einladung morgen Früh zum Spiegeleieressen. Auf meine Frage, ob ich denn mit Jogurt, Müsli, Schwarzbrot etwas dazu beitragen könne, kam die Antwort, es wäre alles dann schon da! Es wird noch ein kurzweiliger Abend, dem noch weitere Runden folgen, was mir zwar interessante Gespräche beschert, aber auch wackelige Knie. Es war schon in Schweden häufiges Thema, dass wir uns in Deutschland den Genuss von Alkohol erst wieder antrainieren müssen. Der Trainingsrückstand wird mir so richtig bewusst, als ich im Waschhaus den Lichtschalter nicht finde, um mir die Zähne zu putzen. Irgendwie hat es dann doch noch geklappt und auch das Urinal war im Halbdunkel noch zielsicher zu treffen. Erst am nächsten Morgen stelle ich fest, dass die Schalter nicht in Hüfthöhe neben der Türe, sondern an der Seitenwand etwas höher angeordnet sind. Mittlerweile habe ich eine derartige Routine um in mein kleines Zelt reinzuschlüpfen und es wieder zu verlassen, dass trotz meiner unsicheren Motorik am heutigen Abend, ich in meinen Schlafsack finde und mir beim Einschlafen bewusst wird, dass meine Hinterradfelge immer noch mitmacht. Aber dann schieben sich wieder Gedanken der herzlichen Aufnahme und der netten Unterhaltungen hier auf dem Campingplatz in der Dönseler Heide vor und lassen mich unbeschwert einschlafen. Wieder ein Tag, der mit vielen Ungewissheiten startet und wo sich dann doch zu guter Letzt alles zum großen Wohl und mit interessanten Begegnungen ergibt.