Eigentlich könnte ich mich ja noch 10 mal hin und her drehen, bevor ich aus dem Zelt krieche, denn ich habe mich ja entschieden, einmal einfach anzuhalten. Die Freiheit zu erleben, kein selbstgesetztes Ziel zu erreichen, mich keinem terminlichen Zwang aussetzen zu müssen, den Tag einfach kommen zu lassen, zu faulenzen, mich einfach mal wieder hinlegen, Stunden der Muße! Kann ich das, halte ich das aus? Eine innere Uhr und die mit der aufgehenden Sonne zunehmende Wärme im Zelt lassen mich zur gewohnt frühen Zeit dann doch aufstehen.
Ich bin früh wach, habe keinen Schlüssel um eine Örtlichkeit aufzusuchen, da ich ja nicht den angebotenen Schlüssel von den Dauercampern einfach über Nacht behalten kann. Also wie beim Wildcampen, es findet sich eine blickdichte Stelle etwas abseits des Camps und ich habe die Natur für mich! Verdammt kalt war es in der Nacht und ich musste mir meinen dünnen Polarfleece –Pullover noch über meinen dünnen Schlafanzug ziehen. Heute Morgen ist wieder Reif auf dem Gras festzustellen, dass hatten wir ja am Anfang unserer Reise auch schon, aber da hatte ich noch meinen warmen Schlafsack dabei.
Ich bin schon früh wach und der Erste im Frühstücksraum. Es ist eine Schulklasse hier, die aber glücklicherweise erst später dazu stößt. In der Nacht habe ich erstaunlicherweise nichts von denen gehört! Auch jetzt machen sie einen sehr rücksichtsvollen Eindruck, anders als gestern in Scharbeutz. Packen und Bettabziehen, alles 4 Stockwerke runtertragen und wieder hoch stampfen. Mensch, bin ich froh, gut trainiert zu sein. Ich lade alles aufs Rad und dann suche ich den Elbe-Lübeck-Kanal, der hinter dem Holstentor losgehen soll.
Wir sitzen unter einem offenen, überdachten Sitzplatz zum Frühstück. Ich versuche ein letztes Mal den verbliebenen Colman-Kocher in Funktion zu bringen, da Strom nur gegen Geld zu bekommen ist. Aber der Kocher, der zuletzt auf Sparflamme noch etwas von sich gegeben hat, gibt nun – wie unser zweiter Kocher − auch keinen Muckser mehr von sich. Daher wird Geld in die Münzbox geworfen und 2 „Kochpötte“ werden gleichzeitig heiß gemacht. Damit gibt es reichlich Wasser für Kaffee und Heiners Tee.
Morgens stehe ich 5:45 Uhr gut ausgeschlafen auf und begebe mich bei Regen, der auch die ganze Nacht angedauert hat, zum Duschen. Vor dem Frühstück schreibe ich noch ein paar Zeilen im Zelt für meinen Blog. Platz genug habe ich ja im Dreierzelt. Wir erlauben uns ja den Luxus von zwei Zelten. Der Akku ist aber nur noch zu 15 % aufgeladen und daher schnell leer. Da es keine Küche gibt, frühstücken wir das erste Mal ohne heißen Kaffee im Vorzelt.
Wie verzweifelt waren wir gestern Abend, als wir hinter Eckernförde keine Übernachtungsmöglichkeit sahen. Und wie wendete sich unsere Aussichtslosigkeit zum traumhaften Abend. Heiner berichtete gestern ja bereits ausführlich darüber. Selbst die Schnecken, die uns beim mitternächtlichen Aufsuchen des Zeltes in ganzen Bataillonen ums Zelt krochen, konnten uns nicht von einem sorgenfreien Schlaf abhalten. Gut, zwei Schnecken hatten es bis in Heiners Lebensmitteltüte geschafft und versuchten im Vorzelt unserer Gastgeber sich heute Morgen in Sicherheit zu bringen.
Als ich um 7:00 Uhr aus dem Zelt komme, scheint die Sonne, wir liegen aber im Schatten der Bäume und die Wiese ist ganz nass. Pech gehabt! Mein Handtuch und andere wichtige Kleinigkeiten lege ich aber auf das Rad, das ich in die Sonne schiebe. Wir zahlen nur 11 Euro für den Platz, zahlen aber 50 Cent fürs Duschen und ebenfalls 50 Cent fürs Kochen. Jürgen findet neben der Rezeption einen Tisch, daneben einen Raum, in dem wir mit einem Tauchsieder heißes Wasser bekommen. Außerdem haben wir Strom für den Laptop und WiFi. Was wollen wir mehr?
Wir schlafen in Hildegards und Winfrieds Haus nach langer Zeit mal wieder in richtigen Betten und sind daher gut ausgeruht am Morgen. Und wir können uns an einen gedeckten Tisch setzen, ohne erst einmal alles aus diversen Taschen und Tüten heraus klauben zu müssen. Es gibt auch nach langer Zeit wieder leckeren Filterkaffee, den wir ja nur in den ersten Wochen hatten und frische Brötchen. Die Frühstückstafel ist reichlich gedeckt und wir finden endlich mal eine Abwechslung zu unseren Salami und Käsebroten.
Wir sitzen beim Frühstück in der Küche auf unseren Dreibeinhockern und beratschlagen über unser weiteres Vorgehen. Karl-Josef wird heute Nachmittag um 17:00 Uhr von seinem Freund Wilfried aus Flensburg abgeholt. Jürgen und ich wollen mit dem Rad dorthin fahren. Karl-Josef will in der Zeit zwei Blogs fertig schreiben und das Zelt abbauen, wenn es aufhört zu schauern. Karl-Josef bietet auch großzügig an, sich auch noch die letzten Tage an den Kosten zu beteiligen und Jürgen wird von uns gelobt, dass er das Geld so gut zusammengehalten habe.